Verantwortung wächst dort, wo sie für den Einzelnen Sinn ergibt. Klingt erstmal banal … ist es aber nicht. Im Gegenteil. In vielen Organisationen ist Verantwortung genau das gerade nicht. Sie ist riskant, politisch, Zusatzlast, mehr Angriffsfläche, mehr Erwartung, …
Die Folge: Etwas völlig Vernünftiges … Menschen halten sich zurück. Sie sichern sich ab, warten und delegieren nach oben … weil ihnen das System jeden Tag beibringt: Das ist klug. Und aus neurowissenschaftlicher Sicht klar wie Kloßbrühe: Das Nervensystem bevorzugt nicht heldenhaft Verantwortung, sondern regulierbare Kohärenz. Es versucht Belastung, Unsicherheit und teure Korrekturen möglichst gering zu halten … allostatische und prädiktive Regulation, Forschung zu sozialem Schmerz und zu gelernter Unkontrollierbarkeit erklären genau diese Bewegung ziemlich gut.
Soll Verantwortung vernünftig und damit zum neuen „Normal" werden, braucht es neue Alltagserfahrungen. Menschen müssen erfahren, dass Wahrnehmung nicht bestraft wird. Dass Klarheit nicht sozial gefährlich ist. Dass frühes Benennen als Beitrag gilt. Dass Entscheidungen tragen. Dass Rückendeckung real ist. Und dass eigenes Handeln tatsächlich etwas bewirkt. Genau darin wachsen Zugehörigkeit und autonome Selbstwirksamkeit … die beiden Zustände, ohne die Verantwortung eben nicht vernünftig, sondern (zu) teuer wird.
Dann kippt die innere Logik. Von: Lieber absichern. Zu: Ich kann hier sinnvoll Verantwortung nehmen.
Wer in Organisationen mehr Verantwortung will, darf deshalb nicht zuerst Verhalten fordern. Er muss Bedingungen schaffen, unter denen Verantwortung wieder vernünftig wird. Sonst bekommt er keine Verantwortungsübernahme, sondern besser getarnte Verantwortungsvermeidung.
Und Achtung: genau hier schlägt unser Sozialisationsgewordenes wieder zu … wir versuchen Probleme auf der Ebene des Denkens und Verhaltens zu lösen, auf der wir sie erzeugen. Noch ein Appell. Noch ein Ownership-Satz. Noch ein Schieben am Verhalten. Und die Spirale dreht höher: mehr Druck, mehr Tarnung, weniger Verantwortung. So fahren wir uns unter steigender Komplexität zuverlässig an die Wand.